Nein, der KI-Hype ist nicht vorbei
In einem Wahlkampfsaal in Florida steht ein junger Mann auf der Bühne und sagt einen Satz, der ihm den größten Applaus des Abends einbringt: Er werde keine neuen Rechenzentren bauen. Markus Lanz hat das beobachtet, und für ihn ist dieser Applaus ein Menetekel. Die große KI-Euphorie, sagt er in der neuen Folge von “Lanz & Precht”, sei “komplett vorbei”.
Ich schätze diesen Podcast, und ich schreibe das hier nicht gegen die beiden. Es geht mir um ein Argument, nicht um zwei Personen. Aber dieses eine Argument ist falsch, und es ist auf eine Weise falsch, die eine lange Geschichte hat. Als jemand, die jeden Tag mit dieser Technologie arbeitet, kenne ich die Sätze aus der Folge. Es sind fast wörtlich die Sätze, die man vor dreißig Jahren über das Internet gesagt hat.
Also nehme ich das Argument ernst und gehe es der Reihe nach durch. Fair zu den beiden, hart in der Sache. Das wird länger, aber es lohnt sich.
Was die beiden wirklich gesagt haben
Fangen wir sauber an, mit echten Zitaten, nicht mit einer Empörungs-Karikatur. Sonst mache ich denselben Fehler, den ich ihnen gleich vorwerfe.
Lanz erzählt von einem Gespräch aus den USA. Er nennt einen Namen: James Fishback, ein junger Republikaner in Florida. Fishback habe den größten Applaus des Abends bekommen, als er versprach, keine neuen Rechenzentren in Florida zu bauen. Daraus zieht Lanz seinen Schluss: Der nächste amerikanische Wahlkampf könnte darauf hinauslaufen, dass gewinnt, wer verspricht, die Bevölkerung vor KI zu schützen. Sein Kernsatz: Die große Euphorie sei komplett vorbei, “hier ist das noch nicht angekommen”. Und, Zitat, es gehe um “eure komische Technologie, die uns gerade nicht weiterbringt”.
Zwei Dinge muss man fairerweise festhalten. Precht trägt die harte These nicht voll mit. Er sagt an einer Stelle wörtlich, am Ende sei KI “sicher noch nicht” zu Ende. Er fragt mehr, als er urteilt. Und der zweite Punkt, den ich noch größer mache, weil er stimmt: Das Energie-Argument, das mitschwingt, ist real. Dazu später.
Aber die große Schlussfolgerung, das Ende der Euphorie, hängt an diesem einen Applaus. Und genau da fängt das Problem an.
Der Kronzeuge hält nicht
Wenn ich eine ganze Technologie für gescheitert erkläre, sollte mein Beleg tragen. Schauen wir ihn uns an.
James Fishback, Jahrgang 1995, kandidiert für die republikanische Nominierung zur Gouverneurswahl in Florida 2026. Vorher Hedgefonds, dann eine eigene Investmentfirma, deren ETF von den eigenen Kontrolleuren wegen rechtlicher Bedenken gestoppt wurde. Im Sommer 2025 behauptete er, Berater bei der Regierungsbehörde DOGE gewesen zu sein. Das war nicht wahr. In den Umfragen ist er ein Außenseiter.
Das ist der Mann, dessen Applaus als Seismograf für das Ende der KI herhalten soll. Ich sage das nicht, um ihn kleinzumachen. Ich sage es, weil es die Größe des Fehlschlusses zeigt: Aus einer einzigen Wahlkampfszene wird eine Weltlage.
Und selbst wenn Fishback der seriöseste Politiker Floridas wäre, bliebe das Grundproblem. Applaus für einen Satz gegen Technologie ist nichts Neues. Er ist die Regel. Er war immer da. Und die Leute, die geklatscht haben, lagen fast immer falsch.
Ein methodischer Zwischenruf: Anekdote ist keine Kausalität
Bevor ich zur Geschichte komme, ein Punkt, der mich als Technikerin wirklich stört. Lanz begründet kausal, aber seine Begründungen sind nicht reproduzierbar.
“Ein Kandidat bekommt Applaus, also ist der Hype vorbei.” “OpenAI und SpaceX gehen spektakulär an die Börse, also ahnen die Konzerne das Ende und wollen nochmal absahnen.” Das klingt nach Analyse, ist aber Kaffeesatz. Denn die zweite Behauptung lässt sich gar nicht widerlegen. Gehen die Kurse hoch, ist es Gier vor dem Absturz. Gehen sie runter, ist es der Absturz selbst. Bleiben sie stabil, ist es die Ruhe vor dem Sturm. Eine These, die durch jedes mögliche Ergebnis bestätigt wird, erklärt nichts. Sie ist, mit Karl Popper gesprochen, nicht falsifizierbar.
Eine einzelne Beobachtung, ein Applaus, ein Börsengang, ist keine Evidenz für einen Trend. Sie ist ein Datenpunkt. Und aus einem Datenpunkt eine Kurve zu zeichnen, ist keine Prognose, das ist ein Rorschach-Test. Mit dieser Methode kann man alles beweisen, auch das Gegenteil. An diesem Punkt wurde ich hellhörig. Denn wenn schon der Applaus als Beleg herhalten muss, lohnt ein Blick darauf, wer da eigentlich klatscht, und wie oft dieselbe Sorte Applaus in der Geschichte schon zu hören war.
Precht liefert das Gegenargument selbst
Das Schöne ist: Ich muss die historische Parallele gar nicht selbst aufmachen. Precht macht sie im Podcast. Er sagt, wer gegen KI sei, erinnere ihn an die Ludditen, die Maschinenstürmer, die im 19. Jahrhundert die mechanischen Webstühle zerschlugen, als ihre Handarbeit ersetzt wurde. Sie hätten versucht, die Zeit aufzuhalten. Und die Zeit sei über sie hinweggegangen.
Genau. Das ist der Punkt. Nur zieht Precht ihn nicht zu Ende.
Denn der applaudierende Saal in Florida, der einem Politiker zujubelt, weil er die Rechenzentren fernhalten will, das ist die moderne Version der Maschinenstürmer. Nicht die Entwickler, die KI benutzen. Die, die klatschen, wenn jemand verspricht, sie draußen zu halten. Wer diesen Applaus als Beweis für das Ende der Technologie liest, verwechselt das Gefühl der Weber mit dem Lauf der Geschichte. Die Weber hatten jedes Recht auf ihre Wut. Sie hatten trotzdem nicht recht mit ihrer Prognose.
Der älteste Denkfehler der Technikgeschichte
1998 schrieb ein Ökonom, der später den Wirtschaftsnobelpreis bekam, folgenden Satz: Bis etwa 2005 werde klar werden, dass der Einfluss des Internets auf die Wirtschaft nicht größer gewesen sei als der des Faxgeräts. Der Mann heißt Paul Krugman. Er hat sich seither mehrfach dafür rechtfertigen müssen.
Das ist kein Einzelfall, das ist ein Muster. Die Elektrifizierung der Pferdebahnen wurde, wie ein Technikhistoriker es formuliert, in jeder Stadt von einer entschlossenen Minderheit bekämpft. Das Automobil wurde jahrzehntelang per Gesetz ausgebremst, gegen starke Vorurteile. Der Technikhistoriker Christian Vater bringt es auf den Punkt: Skepsis gegenüber Technik findet sich schon in den frühesten schriftlichen Zeugnissen überhaupt.
Immer dasselbe Bild. Eine laute Minderheit ruft das Ende aus. Ein Saal klatscht. Und die Technologie kommt trotzdem. Applaus ist kein Argument. Applaus ist ein Gefühl, und Gefühle waren als Technologieprognose noch nie zuverlässig.
Börsenblase und Technologie sind nicht dasselbe
Im Podcast taucht eine zweite These auf, über Prechts Sohn eingeführt, der in der Branche arbeitet. Man erlebe gerade den Peak, die Blase platze in ein bis zwei Jahren, die spektakulären Börsengänge seien nur das letzte Absahnen vor dem Absturz.
Hier wird zweierlei verwechselt, und die Trennung ist entscheidend. Eine Finanzblase und eine Technologie sind zwei verschiedene Dinge.
Erinnern wir uns an die Dotcom-Blase. Der NASDAQ stieg zwischen 1995 und seinem Höhepunkt im März 2000 um 600 Prozent. Dann fiel er um 78 Prozent und gab die gesamten Gewinne wieder ab. Pets.com, Webvan, Boo.com, WorldCom, alle weg. Die Blase platzte vollständig.
Und das Internet? Wuchs weiter. Ununterbrochen. Amazon, Google, eBay überlebten und dominieren heute die Welt. Wer im Jahr 2000 aus dem platzenden NASDAQ geschlossen hätte, das Internet sei erledigt, hätte den größten Umbruch seiner Generation verpasst.
Das ist der Fehler in der Peak-These. Selbst wenn eine KI-Börsenblase existiert und selbst wenn sie platzt, sagt das nichts über die Technologie. Börsen bewerten Erwartungen. Technologie verändert, wie Menschen arbeiten. Das eine kann kollabieren, während das andere weiterläuft. Es ist sogar der Normalfall.
“Hier ist das noch nicht angekommen”
Das ist der Satz, an dem sich bei mir wirklich etwas gedreht hat. Die Euphorie sei vorbei, bei den Menschen noch nicht angekommen. Das ist keine Meinung, über die man streiten kann. Das ist messbar falsch.
ChatGPT hat nach offiziellen Zahlen von OpenAI rund 900 Millionen wöchentliche Nutzer und überschritt im Juni 2026 die Marke von einer Milliarde monatlicher Nutzer. Ein Jahr zuvor waren es 400 Millionen. Ueber zwei Milliarden Nachrichten pro Tag. Eine Milliarde Menschen im Monat, das ist etwa jeder achte Mensch auf dem Planeten. Und im Fernsehen sagt jemand, es sei bei den Menschen nicht angekommen.
Bei den Entwicklern, dem Berufsstand, der angeblich als Erster ausstirbt: Laut der Stack-Overflow-Entwicklerumfrage 2025 nutzen oder planen 84 Prozent den Einsatz von KI-Werkzeugen, hoch von 76 Prozent im Vorjahr. 51 Prozent der Profis täglich. Und, das ist mir wichtig, dieselben Entwickler sind kritisch. Die Zustimmung sinkt, 46 Prozent misstrauen der Genauigkeit. Das ist das Gegenteil von blindem Hype. Das ist reife, kritische Massennutzung. Menschen, die ein Werkzeug benutzen und trotzdem wissen, wo es lügt.
In den Unternehmen zeigt die McKinsey-Studie “State of AI” vom November 2025, dass 88 Prozent der Organisationen KI in mindestens einer Funktion nutzen, hoch von 78 Prozent. Dazu gleich mehr, denn hier versteckt sich der ehrlichste Gegenpunkt.
Eine Milliarde Nutzer, 84 Prozent der Entwickler, 88 Prozent der Firmen. “Nicht angekommen” ist keine steile These. Es ist einfach der falsche Satz.
Der Widerstand ist echt. Und trotzdem wird gebaut.
Jetzt der faire Teil, denn die Anti-Rechenzentrums-Stimmung gibt es wirklich. In den USA wurden nach Daten von Data Center Watch Projekte im Wert von rund 64 Milliarden Dollar durch lokalen, überparteilichen Widerstand blockiert oder verzögert. Fortune berichtet von 48 Projekten mit 156 Milliarden Dollar allein 2025. Die Zahl der abgesagten Projekte hat sich vervierfacht, von sechs im Jahr 2024 auf 25 im Jahr 2025. Häufigster Grund: Wasserverbrauch, dann Energie.
Das ist real, und es ist genau der Punkt, den Lanz meint. Nur, daneben stehen rund 725 Milliarden Dollar, die die großen Cloud-Anbieter allein 2026 in KI-Infrastruktur stecken. Amazon rund 200, Google rund 185, Meta rund 125, Microsoft rund 120 Milliarden. Ein Plus von etwa 77 Prozent gegenüber 2025. Und im ersten Quartal 2026 haben diese Konzerne ihre Prognosen nicht gesenkt, sondern gemeinsam angehoben.
64 Milliarden verzögert, 725 Milliarden werden trotzdem gebaut. Wenn die Euphorie komplett vorbei wäre, würden dann ausgerechnet die Konzerne mit dem tiefsten Einblick 77 Prozent mehr investieren? Widerstand ist nicht Kollaps. Es gab Widerstand gegen Stromleitungen, gegen Mobilfunkmasten, gegen Windräder. Eine laute Minderheit bremst einzelne Projekte. Der applaudierende Saal aus Florida taucht hier wieder auf, nur diesmal mit Zahlen dahinter. Und die Zahlen sagen: die Welle rollt weiter.
“Es erwischt die, die dachten, sie sind nie dran”
Der stärkste, menschlichste Moment im Podcast ist der, wo Precht über den Arbeitsmarkt spricht. Es gehe diesmal nicht um die Hände, sondern um das Gehirn, um das zweite Maschinenzeitalter. Die geistige Mittelschicht, die immer glaubte, sicher zu sein, sei jetzt dran. Und die Frage sei, ob der soziale Aufstieg in Zukunft noch möglich bleibe.
Diese Angst nehme ich ernst. Sie ist berechtigt. Aber die Schlussfolgerung, das Ende des Aufstiegs, ist wieder ein Kurzschluss aus einer Momentaufnahme.
Denn genau das sagte man beim ersten Maschinenzeitalter auch. Die industrielle Revolution hat Weber arbeitslos gemacht, ja. Sie hat aber auch eine völlig neue Mittelschicht geschaffen, die es vorher gar nicht gab: Ingenieure, Techniker, Angestellte, Facharbeiter. Der Umbruch war brutal für die, die drinsteckten. Er war keine Vernichtung der Mittelschicht, sondern ihre Umschichtung. Neue Rollen entstanden, von denen niemand vorher wusste, dass es sie geben würde.
Precht erzählt in dem Zusammenhang, sein Sohn habe von Meta berichtet: Der Konzern habe Beschäftigte ihre Arbeitsdaten hergeben lassen, die KI damit trainiert, und danach könne man arbeitslos nach Hause gehen. Man macht die Maschine schlau, und die schafft dich ab.
Ich kann diesen konkreten Fall nicht unabhängig belegen, und ich stelle ihn deshalb nicht als bewiesene Tatsache dar. Aber selbst wenn er genau so stimmt, beschreibt er einen Übergang, keinen Endzustand. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Rollen verschwinden. Rollen verschwinden immer. Die Frage ist, ob neue entstehen. Und die historische Antwort darauf ist ziemlich eindeutig: Ja, sie tun es. Jedes Mal. Der Fehler ist, die verschwindenden Jobs zu zählen, die man sieht, und die neuen zu ignorieren, die man sich noch nicht vorstellen kann.
Schaffen Programmierer sich selbst ab?
Im Podcast fällt der Gedanke, Programmierer machten sich mit KI selbst überflüssig. Und Lanz gibt eine Bildungsempfehlung: bloß keine Informatik studieren, die nicht wirklich ambitionierten Informatiker ersetze die KI ohnehin.
Und jetzt kommt der Teil, wo ich ihm in Teilen recht gebe. Er hat einen wahren Kern, er zieht nur den falschen Schluss.
Ja, es stimmt: Wer Informatik nur macht, weil die Eltern sagten, mach was mit Computern, das ist sicher, und wer eigentlich keine Affinität dazu hat, der wird es schwer bekommen. Das ist der Fließbandarbeiter der Branche. Der Mensch, der Code abtippt, wie andere Schrauben festziehen, ohne Leidenschaft, ohne Gespür. Diese Rolle verschwindet. Und das ist nicht mal etwas Schlechtes. Vielleicht wäre dieser Mensch ein hervorragender Anwalt geworden, ein guter Handwerker, ein begnadeter Lehrer. Nicht jeder muss Programmierer sein, nur weil es gut bezahlt war.
Aber daraus folgt nicht “lern keine Informatik”. Daraus folgt das Gegenteil. Informatik ist wie Leistungssport. Um in der oberen Liga zu spielen, brauchst du Talent, Leidenschaft und ein bisschen Nerd-Sein. Das war schon immer so. Die wirklich guten Entwickler waren nie die, die es nur des Geldes wegen machten. KI ändert daran nichts, sie macht diese alte Wahrheit nur sichtbarer. Sie hebt die Messlatte. Und die, die drüberspringen, macht sie schneller und produktiver, einer leistet, wofür früher fünf nötig waren.
Matt Garman, der CEO von AWS, hat genau das gesagt. In einem Podcast im August 2025 nannte er es, Zitat, “eine der dümmsten Sachen, die ich je gehört habe”, jetzt keine Junior-Entwickler mehr einzustellen. Seine Begründung sitzt: Sie seien die günstigsten Mitarbeiter, die man habe, und die mit dem besten Draht zu den KI-Werkzeugen. Und, sein stärkster Satz, wie solle das in zehn Jahren funktionieren, wenn niemand mehr da sei, der etwas gelernt habe. Man solle weiter Leute frisch von der Uni holen und ihnen beibringen, wie man Software baut und Probleme zerlegt, genau wie eh und je. Bei AWS selbst nutzten rund 80 Prozent der Entwickler KI in ihrem Arbeitsablauf. Das ist nicht die Stimme eines Ausstiegs. Das ist der Chef des größten Cloud-Anbieters der Welt, der sagt: gerade jetzt einsteigen.
Wer heute jungen Menschen sagt, sie sollen die Informatik meiden, verwechselt das Verschwinden der Lustlosen mit dem Ende des Fachs. Das Fach war noch nie so mächtig wie jetzt.
Und die Schule?
Der Podcast landet, wie jedes KI-Gespräch, bei der Bildung. Machen die Kinder noch ihre Hausaufgaben oder lassen sie schreiben? Verlernen wir das Denken?
Auch hier hilft Differenzierung statt Panik. KI in der Schule ist weder Heilsbringer noch Untergang, sie ist ein Werkzeug, und es kommt darauf an, wie man es führt.
Ein Lehrer, der in Minuten ein individuell abgestuftes Übungsblatt für drei Leistungsniveaus generiert, gewinnt Zeit für das, was zählt: die Kinder. Ein Schüler, der sich einen Sachverhalt so oft erklären lassen kann, wie er will, ohne sich vor der Klasse zu blamieren, lernt womöglich mehr, nicht weniger. Adaptive Nachhilfe, die sich ans Tempo des Einzelnen anpasst, war jahrzehntelang ein Privileg der Wohlhabenden. Sie wird gerade billig.
Ja, das Lernen wird sich ändern. Aber ändern ist nicht verschlechtern. Und ja, das muss begleitet werden, von Eltern und von Schulen. Ein Kind, das die KI die Aufgabe machen lässt und nichts dabei denkt, lernt nichts. Ein Kind, das die KI als Sparringspartner nutzt, lernt schneller. Der Unterschied liegt nicht in der Technik, er liegt in der Begleitung. Diese Verantwortung kann man nicht an ein Verbot delegieren.
Und der Reflex ist nicht neu. Der Taschenrechner sollte das Kopfrechnen töten. Wikipedia sollte das Wissen entwerten. Google sollte unser Gedächtnis ruinieren. Jedes Mal derselbe Alarm, jedes Mal kam es anders. Wir haben gelernt, mit den Werkzeugen umzugehen. Das werden wir wieder.
Der eigentliche deutsche Fehler
Es gibt eine Stelle, an der Lanz und Precht etwas Richtiges berühren, ohne die Konsequenz zu ziehen. Precht sagt, ganz Deutschland suche ein neues Wohlstandsmodell, das alte funktioniere nicht mehr. Und beide sind sich einig, dass man aus dem KI-Wettlauf nicht aussteigen kann, dass Deutschland keine KI-freie Zone werden könne.
Genau. Nur, was folgt daraus? Bei den beiden folgt Sorge. Bei mir folgt etwas anderes.
Europa hat mit dem AI Act die weltweit erste umfassende KI-Regulierung geschaffen, in Kraft seit August 2024. Das ist an sich nicht falsch, Regeln braucht es. Aber es beschreibt ein Muster: Wir regulieren am liebsten das, was wir nicht selbst gebaut haben. Die großen Modelle entstehen in den USA und in China. Europa liefert den Rechtsrahmen dazu. Wir sind Weltmeister im Bedenkentragen und Zweiter im Bauen.
Und das ist keine Frage der Parteifarbe. Das Mindset ist quer durch alle Lager dasselbe: erst absichern, dann vielleicht machen. Ich will das gar nicht politisch ausschlachten, das führt in die falsche Debatte. Mir geht es um die Haltung. Wir müssten öfter in den Macher-Modus kommen, bauen, ausprobieren, aus Fehlern lernen, und dann klug regulieren, statt zu regulieren, was noch gar nicht existiert. Ein bisschen mehr von dem Mut, den man braucht, wenn man Neues gestaltet statt es nur zu verwalten. Wer immer nur fragt, was schiefgehen könnte, baut am Ende nichts, über das er entscheiden dürfte.
Dazu kommt ein zweiter blinder Fleck, und der ist vielleicht der teurere: uns fehlt der lange Atem. Europa denkt in Legislaturperioden, andere denken in Jahrzehnten. Taiwan hat über Jahrzehnte geduldig eine Chip-Industrie aufgebaut, ohne dass das in jedem Quartal Wohlstand abgeworfen hätte, und ist heute der Punkt, an dem die ganze Welt hängt. China verfolgt seit Langem eine Agenda, seine Fertigung und seine Wirtschaft strategisch aufzubauen, über Regierungswechsel hinweg. Die USA halten bei Grundlagentechnologien durch, auch durch Dürrephasen, bis daraus Weltkonzerne werden. Wir dagegen steigen aus, sobald ein Thema nicht kurzfristig liefert, und wundern uns dann, dass wir am Ende zusehen statt mitzugestalten. Dranbleiben, auch wenn es sich noch nicht rechnet, ist keine Verschwendung. Es ist die Voraussetzung dafür, später überhaupt eine Wahl zu haben.
Wo die beiden recht haben
Ich mache es mir zu einfach, wenn ich nur dagegenhalte. Faktenbasiert heißt auch, die guten Gegenargumente ernst zu nehmen. Es gibt zwei.
Das erste ist die Energie. Der Wasser- und Stromhunger der Rechenzentren ist real und wächst. Es ist kein Zufall, dass Wasserverbrauch der häufigste Grund für lokalen Widerstand ist. Wer das wegwischt, macht es sich zu leicht. Interessant ist, dass ausgerechnet der von Lanz zitierte Microsoft-Chef Satya Nadella das selbst sagt: Wenn die KI-Industrie nicht bald einen klaren, messbaren gesellschaftlichen Nutzen liefere, werde sie keine Zukunft haben. Nur, das ist kein Abgesang. Das ist ein Ansporn, gesagt von einem, der Milliarden investiert, nicht von einem, der aussteigt.
Das zweite ist der Nutzen-Nachweis. Dieselbe McKinsey-Studie, die 88 Prozent Adoption zeigt, sagt auch: Nur 39 Prozent sehen einen messbaren Effekt auf das Ergebnis. Viele Unternehmen stecken in der Pilotphase fest. Das ist wahr und wichtig. Aber es beschreibt eine frühe Phase, kein Ende.
Dieses Muster kennen wir. Der Wirtschaftshistoriker Paul David hat es für die Elektrifizierung beschrieben: Zwischen der Verfügbarkeit einer Basistechnologie und ihrem vollen Produktivitätseffekt liegen oft Jahre. Die Fabriken mussten sich erst um den Elektromotor herum neu organisieren, bevor der Gewinn kam. Bei der KI sind wir genau da. Adoption zuerst, Produktivität später. Wer die Lücke dazwischen als Beweis fürs Scheitern liest, hat die Geschichte der Elektrizität nicht gelesen.
Eine Bitte an die beiden
Und hier will ich ehrlich sein, auch auf die Gefahr hin, anmaßend zu klingen. Lanz und Precht erreichen mit dieser Folge mehr Menschen, als ich es je werde. Millionen hören zu, viele bilden sich an genau solchen Gesprächen ihre Meinung über eine Technologie, die sie noch nie selbst benutzt haben. Das ist eine enorme Reichweite. Und mit Reichweite kommt Verantwortung.
Zwei kluge Männer zwei Stunden lang beim Sorgen zuzuhören, ist anregend. Aber es wäre so viel wertvoller, wenn sie dieselbe Kraft darauf verwenden würden, nach vorne zu zeigen. Nicht schönreden, Kritik gehört dazu, der Energiehunger gehört benannt, die Verteilungsfrage auch. Aber wer eine solche Bühne hat, könnte sie nutzen, um die konstruktiven Fragen zu stellen: Wie bauen wir das in Deutschland mit, statt es nur zu kommentieren? Wie bilden wir Menschen für die neuen Rollen aus, statt ihnen vom Studium abzuraten? Wie sieht ein Sozialsystem aus, das einen Umbruch trägt? Das sind die Gespräche, die diese Reichweite verdient hätte. Sorge ist billig. Orientierung ist die eigentliche Arbeit.
Zum Schluss, der Widerspruch, den Lanz selbst liefert
Es gibt einen Moment in dem Gespräch, der die ganze Sache auf den Punkt bringt. Lanz sagt, KI-generierte Texte seien wenig kreativ, es drohe eine Einförmigkeit, eine Entwertung. Und wenige Sätze später erzählt er von einem KI-Text, der ihn beeindruckt habe. Wörtlich: der Knaller, ein richtig guter Text, viele Journalisten könnten das nicht.
Ja was denn nun? Langweilig oder der Knaller?
Der Widerspruch ist kein Versehen, er ist der Kern der Verwirrung. Kreativität war noch nie eine Eigenschaft des Werkzeugs, sondern dessen, der es führt. Ein langweiliger Text entsteht durch langweiliges Denken, nicht durch das Instrument. Precht sagt es sogar selbst, nur ohne es zu merken: KI könne kein Buch wie Arno Schmidts “Zettels Traum” schreiben, kein “Finnegans Wake”. Stimmt. Und das ist exakt mein Punkt aus der Informatik. Die Spitze bleibt menschlich. Das Mittelmaß bekommt ein Werkzeug. Wer nichts zu sagen hat, sagt es mit KI nur schneller.
Der eigentliche Kreativitätsmangel in dieser Debatte liegt woanders. Er liegt darin, aus einem einzigen applaudierten Wahlkampfsatz in Florida das Ende einer Technologie zu bauen, die eine Milliarde Menschen benutzen. Das ist die Schablone. Skepsis-Anekdote, große Geste, der Hype ist vorbei. Diesen Text haben wir 1998 über das Internet gelesen, 1900 über das Auto, und irgendwann sicher auch über die Eisenbahn.
Der KI-Hype ist nicht vorbei, weil er nie nur ein Hype war. Ein Hype verschwindet, wenn die Leute das Interesse verlieren. Eine Basistechnologie bleibt, weil die Leute anfangen, sie zu benutzen. Und sie benutzen sie, milliardenfach, jeden Tag, während im Fernsehen jemand erklärt, sie sei nicht angekommen.
Die Menschheit hat sich an jede dieser Wellen angepasst. Wir werden uns auch an diese anpassen. Nicht, weil ein Podcast es sagt, und nicht, weil ich es sage. Sondern weil wir es immer getan haben. Der Applaus in Florida wird verhallen. Die Rechenzentren werden gebaut. Und in ein paar Jahren wird sich jemand fragen, wie man je glauben konnte, das sei schon vorbei gewesen.
Quellen
- Podcast: “Lanz & Precht”, Folge 253, ZDF (Zitate aus dem Transkript der Folge).
- James Fishback: Wikipedia, Kandidatur zur Gouverneurswahl Florida 2026.
- Paul Krugman, “Why most economists’ predictions are wrong”, Red Herring, Juni 1998 (“no greater than the fax machine’s”), Wikiquote.
- Historischer Technik-Widerstand: DW, “Demonized inventions: From railroads to AI”.
- Dotcom-Blase: NASDAQ plus 600 Prozent (1995 bis März 2000), dann minus 78 Prozent bis Oktober 2002, Wikipedia.
- ChatGPT-Nutzerzahlen: OpenAI-Angaben, rund 900 Mio. wöchentlich (Feb 2026, TechCrunch), über 1 Mrd. monatlich (Juni 2026).
- Entwickler-Nutzung: Stack Overflow Developer Survey 2025.
- Unternehmens-Adoption: McKinsey, “The State of AI”, November 2025 (88 Prozent Nutzung, 39 Prozent messbarer Effekt).
- Rechenzentrums-Capex 2026 (rund 725 Mrd. USD, plus 77 Prozent): Hyperscaler-Guidance Q1 2026.
- Lokaler Widerstand: Data Center Watch; Fortune, 48 Projekte / 156 Mrd. USD 2025 blockiert oder verzögert.
- Matt Garman (AWS): IT Pro, “Junior developers aren’t going anywhere”, 22.08.2025 (Podcast mit Matthew Berman).
- EU AI Act: Verordnung (EU) 2024/1689, in Kraft seit 1. August 2024.
- Produktivitäts-Lag: Paul A. David, “The Dynamo and the Computer” (1990).